Interview mit Linus Geschke: Ein Journalist taucht ab.

Linus Geschke ist Journalist und Autor, sein Fachgebiet sind Reportagen und Kommentare aus den Bereichen Reise, Gesellschaft und Sport.

Natürlich würde ich nicht über ihn schreiben, wäre er nicht ein passionierter Taucher, was sich auch beruflich wiederspiegelt. Linus hat es geschafft, Hobby und Beruf zu vereinen. Seine gut geschriebenen Reportagen über unser Lieblingshobby haben mir schon so manchen Moment im grauen Büroalltag versüßt. Mehr über Linus findet ihr am Ende des Interviews.

Als bloggende Tipsel-Tante einen echten Journalisten zu interviewen ist ganz schön aufregend. Ob er beim Beantworten der Fragen geschmunzelt oder die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hat, kann ich nicht sagen. Denn die Fragen habe ich Linus per Email geschickt. Sagen kann ich euch aber, dass er per Email  witzig, nett und ehrlich rüberkommt.

Linus, Wie bist Du zum Tauchen gekommen? Was fasziniert Dich am Unterwassersport?056web

Das war 1997 auf Malta. Nur Sonne und Strand waren mir irgendwann zu langweilig und dann gab´s da diese Tauchschule, den einen Schnuppertauchgang … und ich war infiziert! Es gibt viele Dinge, die mich seitdem unter Wasser faszinieren, aber wenn ich mich entscheiden muss: Wracks und Großfische.

Wie bist Du dann zu Deinem Beruf gekommen? Wie hast Du Dir einen Namen gemacht?

Ich habe in Köln eine Journalistenschule besucht und mit Sportberichterstattung angefangen. Als Herbert Gfrörer und Armin Süss vom Taucher.Net, die ich damals schon kannte, dann mit einem Onlinemagazin angefangen haben, war mir schnell klar, dass ich ein Teil davon sein wollte. 2008 kam noch Spiegel Online hinzu und kurz darauf hat mich der Herausgeber der unterwasser, Heinz Ritter, gefragt, ob ich nicht auch für sie schreiben will. Alle drei sind tolle und vollkommen unterschiedliche Formate – und ich bin froh, bei ihnen bis heute dabei sein zu dürfen.

Du scheinst den Traum eines jeden Tauchers zu leben. Ich stelle mir das so vor: Du schnorrst Dich als Schreiberling durch die Weltgeschichte, gegen einige wohlwollende Zeilen in diversen Magazinen tauchst Du überall auf der Welt quasi umsonst. Wie läuft das in der Realität?

Ganz ehrlich? Ungefähr so! Du bezahlst die Reisen nicht, das Tauchen nicht. Anders würde es auch nicht funktionieren; dafür sind die Verdienstmöglichkeiten mit den Berichten zu beschränkt. Die Kunst ist also eher, was du als Journalist daraus machst: Jubelst du jeden mittelmäßigen Spot zum Weltklassegebiet hoch, um den Veranstaltern der Reise zu gefallen oder versuchst du, das Besondere einzufangen und die Reise so wiederzugeben, wie du sie erlebt hast; sie für den Leser nachvollziehbar zu machen? Kurzfristig ist der erste Weg sicher der einfachere, langfristig führt er aber in eine Sackgasse: Du verlierst das Vertrauen der Leser und den Respekt der Veranstalter. Und ein Autor, dem die Leser nicht vertrauen, nützt am Ende auch den Veranstaltern nichts mehr.

Deshalb nochmals, weil mir das Thema wichtig ist: Ich finde dieses Prinzip gar nicht so verwerflich, wie es auf den ersten Blick wirken mag, solange man es offen und ehrlich kommuniziert. Von dem Redakteur eines Automagazins erwartet ja auch keiner, dass er jedes Auto kauft, das er dort testet. Mit der Einladung zu einer Reise hat sich der Veranstalter in meinen Augen zwar das Recht auf einen Bericht „erkauft“ – nicht jedoch auf den Inhalt desselbigen.

Fährst Du alleine oder lässt Du Dich mit Freunden einladen? Wenn ja, suchst Du noch Freunde?

Ganz unterschiedlich: Mal alleine, mal mit einem Fotografen, mal mit Freunden oder Freundin, wobei die Personen, die mit dem Bericht nichts zu tun haben, ihre Reise auch bezahlen müssen. Insofern wäre ich der falsche Freund für falsche Freunde…

Wie oft im Jahr fährst Du los, um Reportagen zu machen?

Meist sind es vier bis sieben Reisen pro Jahr. Zu mehr fehlt mir einfach die Zeit.

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Wählst Du Dir Deine Ziele selber aus oder wirst Du auch an bestimmte Orte geschickt oder eingeladen? Nach welchen Kriterien entscheidest Du, wo es dann letztendlich hingeht?

Die meisten Ziele suche ich mir selber aus; manchmal kommen auch Einladungen, wo du denkst: „Ja, das könnte interessant sein.“ Ich mag Ziele, die auf mehreren Ebenen funktionieren, über wie unter Wasser, die nicht nur von einer interessanten Fischwelt, sondern auch von interessanten Menschen geprägt sind. Die Malediven beispielsweise sind für Taucher toll – als Berichtsthema für einen Journalisten aber eher langweilig.

Wie reagieren die Tauchboot-Betreiber / Tauchbasen wenn Dein Artikel mal nicht so positiv ausfällt?

Ganz unterschiedlich: Die großen Basen wie Werner Lau oder die Extra Divers können mit Kritik ganz gut umgehen, solange sie sachlich bleibt – dafür sind sie zu lange im Geschäft und zu sehr Profis. Sie wissen, dass es ihnen nichts bringt, wenn die Kunden mit übertriebenen oder falschen Erwartungen anreisen würden. Auf Zypern gibt es nun mal kaum Fische und im Oman, der ansonsten ein tolles Tauchgebiet ist, sind die Sichtweiten meist bescheiden – das würde der Leser doch spätestens beim ersten Sprung ins Wasser merken, womit wir wieder bei der Sache mit dem Vertrauen sind.

Wenn Basen mein zugegeben subjektiver Eindruck nicht passt, dann können wir gerne darüber reden. Aber wenn das Wrack zerfallen ist, ist es zerfallen. Wenn dort keine Haie waren, werde ich sie sicher nicht erfinden. Und wenn der Veranstalter das dann nicht gerne liest, ist es nicht mein Problem.

Viele Taucher halten sich für die Hüter der Meere und geborene Naturschützer. Packen wir uns aber mal an die eigene Nase: lange Flüge, Dieselmotoren auf offenen Meer, Fehlverhalten unter Wasser. Sind Tauchen und Umweltschutz kompatibel?

Wahrscheinlich sind rigoroser Umweltschutz und der Mensch an sich nur wenig kompatibel. Auf der anderen Seite glaube ich aber, dass Menschen nur schützen, was sie auch kennen und lieben. Nicht umsonst gibt es gerade unter Tauchern besonders viele, die sich für den Haischutz einsetzen.

Stichwort Rudeltauchen: welche Strategien könnten zum Schutz überlaufener Riffe und Regionen eingesetzt werden?

Die liegen auf der Hand: Tauchgangsbeschränkungen oder die Limitierung von Booten beispielsweise.

Woran könnten diese scheitern?

Am fehlenden Willen und fehlenden Überwachungsmaßnahmen. Solange mit dem Tauchen in manchen Regionen so viel Geld verdient wird, ist es schwer, wirkungsvolle Maßnahmen durchzusetzen.

Zwischen den Anhängern verschiedener Verbände entbrennen ja wahre Glaubenskriege. Wie stehst Du zu den Themen Ausbildung, Vereinsmeierei und Richtlinien?

Da die Physik für alle gleich ist, unterscheidet sich meist nur die Verpackung. Früher gab es wenige Brevetierungsstufen, deren Inhalte dafür sehr intensiv waren. Heute wird alles in Häppchen und unzählige Brevets aufgeteilt. Die einen nennen dies „individuelle Anpassung“, die anderen „größtmögliche Gewinnmaximierung“. Ich würde zu zweiter Meinung tendieren, zumal Brevets in meinen Augen eh nur der erste Schritt sind: Am besten lernt man Tauchen beim tauchen.

Gibt es im Tauchsport Regeln oder Vorschriften, die Du komplett sinnlos findest?

Unzählige. Ganz oben die Verteufelung von Dekotauchgängen bei vielen Basen und Sporttauchorganisationen.

Gibt es Dinge, die Dich so richtig wütend machen? Was lässt Dich während eines Tauchgangs / Tauchurlaubs aus der Neoprenpelle fahren?

Solange es sich nicht gegen Tiere oder die Natur richtig, nur wenig. Mit den Jahren wird man gelassener – früher hätte ich Guides, die permanent den Shaker benutzen, töten können. Heute will ich sie nur noch verprügeln…

Gibt es einen Tauchspot, zu dem es Dich immer wieder hinzieht?

Gute Frage … ich nehme die ägyptischen Brother Islands! Zum einen mag ich Tauchsafaris, zum anderen hast du dort alles an einem Ort: Traumhaften Bewuchs, viele Fische, diverse Haie und zwei tolle Wracks. Übrigens wäre dies auch der Ort, wo ich mit einer Bootsbeschränkung anfangen würde!

Gibt es Orte, wo Du nie wieder abtauchen möchtest?

Da fällt mir auf Anhieb keiner ein. Zu dem einen zieht´s mich mehr hin, zu anderen weniger. Aber ein generelles No-Go? Nein.

Findet man Dich auch in heimischen Gewässern oder bist Du ein Warmwassertaucher?

Das Wasser muss nicht warm sein, aber schöner ist es schon…

Wo möchtest Du unbedingt noch hin? Hast Du eine Bucketlist?

Oh ja: Insbesondere mit Zielen in Mittel- und Südamerika, über die noch viel zu wenig geschrieben wurde. Tolles Tauchen, tolle Kultur, interessante Menschen und Orte mit faszinierender Historie. Da passt für mich alles!

Deine zweite große Leidenschaft sind Krimis. Wie viel Linus Geschke steckt in Jan Römer, dem Protagonisten Deiner Krimis?

Natürlich ist jede Krimihandlung fiktiv. Aber Jan Römer ist in meinem Alter, kommt aus Köln und ist Journalist – da liegt die Verbindung auf der Hand. Wie bei Reiseberichten bin ich auch bei Romanen Cover neudavon überzeugt, dass sie nur dann wirklich packend und lebendig sind, wenn sie authentisch bleiben. Und mir fällt es beim Schreiben halt leichter, in den Kopf von Jan Römer einzudringen, als in den einer 61-jährigen Sozialpädagogin aus Wanne-Eickel.

Wie kommen die Mordszenen, Vergewaltigungen und blutigen Details in den Kopf eines Autors? Sind Krimi-Autoren Psychopathen? Muss man Angst vor Dir haben? Im Wasser kannst Du Dich ja lautlos von hinten anschleichen.

Ich wollte eigentlich einen Liebesroman schreiben, aber dann ist irgendwas aus dem Ruder gelaufen….

Nein, ernsthaft: Als Krimi- und Thrillerautor sollte man die Faszination des Bösen spüren können, ohne ihr im Alltag zu erliegen. Man kann seine Protagonisten Dinge tun lassen, die man selber nie tun würde. Insofern musst du in der Realität keine Angst vor mir haben – der Guide mit dem Shaker dagegen vielleicht schon…

Linus, herzlichen Dank & immer gut Luft!

Linus Geschke schreibt u.a. für den SPIEGEL , unterwasser, die FAZ und das Manager Magazin. Sein Schwerpunkt liegt bei Reportagen über das Tauchen. Als Buchautor hat er sich ebenfalls einen Namen gemacht, neben Sachbüchern schreibt er auch Krimis. Nach seinem Debüt „Die Lichtung“ erscheint im März 2016 der nächste Krimi „Und am morgen waren sie tot„. Fotos hat er auch spendiert, die Bilder in diesem Artikel stammen aus seinem Archiv. Mehr über Linus findet ihr auf seiner Homepage und auf Facebook.

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