Aus dem Leben eines Krimiautors: Interview mit Linus Geschke

Um im Urlaub auch die Oberflächenpause sinnvoll zu nutzen, gibt es eigentlich nichts besseres als einen spannenden Krimi. Die Steigerung davon ist, im Tauchurlaub einen Krimi von einem passionierten Taucher zu lesen. Vielen von euch ist Linus Geschke als Verfasser von Tauch- und Reisereportagen ein Begriff. Er schreibt aber nicht nur über das Tauchen, sondern auch wirklich großartige Kriminalromane. Im Januar erscheint sein drittes Buch,  „Das Lied der toten Mädchen“.

Ich selber lese am liebsten Krimis. Ich bin quasi Mimi, die ohne Krimi nie ins Bett geht. Ich freue mich daher ganz besonders, Linus diesmal zu seinen Büchern, dem Schreibprozess, seinem Protagonisten Jan Römer und zu düsteren Gewaltphantasien zu befragen.

Wie lange hat es von der Idee, einen Krimi zu schreiben, bis zur Veröffentlichung Deines ersten Buches „Die Lichtung“ gedauert?

Jahre! Die ersten 80 Seiten lagen Ewigkeiten auf der Festplatte herum, waren mehr als Fingerübung gedacht. Irgendwann habe ich die dann an eine Literaturagentur geschickt, die daraufhin Verlage kontaktierte, worauf alles recht schnell ging: Die ersten Angebote kamen, ein paar Tage voller Aufregung, dann ist das Manuskript bei Ullstein gelandet, worüber ich heute noch glücklich bin.

Linus Geschke

Copyright: Ulllstein Verlag

Warum schreibst Du ausgerechnet Kriminalromane?

Als Autor sollte man immer das schreiben, was man selber gerne lesen würde. Und da ich der totale Krimi- und Thrillerjunkie bin, lag die Entscheidung für dieses Genre auf der Hand.

Wie geht man als potentieller Buchautor vor? Schreibt man erst mal und kontaktiert dann die Verlage oder läuft das anders?

Zuerst musst du ein Exposé anfertigen – drei bis fünf Seiten, auf denen die komplette Story in Kurzform steht. Verlage brauchen die, um zu sehen, ob eine Geschichte „funktioniert“, und welche Marktchancen sie hat. Dazu kommt dann noch eine Leseprobe – als neuer Autor sollte die recht lang sein, zwischen 100 und 150 Seiten, damit der Verlag sieht, wie der Schreibstil ist und wie die Story umgesetzt wird. Abschließend – und das ist der vielleicht wichtigste Punkt – muss man sich eine Literaturagentur suchen, die in dem Genre gut vernetzt ist und die das Ganze dann passenden Verlagen anbietet. Unaufgefordert eingereichte Manuskripte dagegen haben kaum noch Chancen.

Der erste Satz, den Du für die „Die Lichtung“ geschrieben hast, welcher war das?

Keine Ahnung – aber ich bin sicher, er war hundsmiserabel!

Ab wann wusstest Du, dass aus Deinen Krimis eine Reihe werden könnte?

Anfangs habe ich mich damit nicht beschäftigt. Der Gedanke kam vom Verlag, für mich war es einfach nur ein Traum, ein eigenes Buch bei einem großen Verlag zu haben. Alles andere war damals noch viel zu weit weg, das kam erst mit der Zeit…

Wenn Du jetzt an einem neuen Buch schreibst, hast Du die Nachfolger bereits im Kopf?

Gute Frage… Wenn ich darüber nachdenke, lautet die Antwort wohl Nein. Vielleicht, wenn das letzte Drittel des Vorgängers erreicht ist, vorher sicher nicht. Dazu stecke ich zu sehr im aktuellen Projekt.

Weißt Du schon von Anfang an, wie eine Geschichte enden wird? Wann schreibst Du den Schluss eines Buches?

Ich bin – unter uns gesagt – keiner jener Autoren, die Kapitel für Kapitel im Voraus plotten und beim Schreiben stets wissen, was als Nächstes passiert. Wenn ich mit einem Buch beginne, kenne ich den Anfang und das Ende, aber nicht den Weg dorthin. Keine gerade Linie, sondern viele Kurven und Abzweigungen. Oftmals entscheide ich mich erst an den Weggabelungen, welche Richtung jetzt die richtige ist.

Wie ist Jan Römer, Dein Protagonist, entstanden? Kannst Du beschreiben, wie Du ihn entwickelt hast?

Mit Jan habe ich es mir einfach gemacht: Er ist in meinem Alter, kommt aus meiner Stadt und hat denselben Beruf wie ich. Alles Punkte, die es einem als Autor einfach machen, in den Kopf des Protagonisten abzutauchen.

Wärst Du gerne mit Jan Römer befreundet, wenn er eine reale Person wäre?

Da er ein wenig wie ich ist: Natürlich 😊

Wie schafft man den Spagat zwischen Konsistenz innerhalb einer Serie und Vermeidung von Langeweile und Wiederholungen?

Jede Reihe braucht ein paar Konstanten: Die Figuren, die Art der Verbrechen – bei der Jan Römer-Reihe sind es beispielsweise immer Morde, die in der Vergangenheit passiert sind und Auswirkungen auf die Gegenwart haben. Mit dem Rest kann man spielen: Die Umgebung, die Motivation des Täters, die Art der Ermittlungen oder die Atmosphäre. Dennoch glaube ich, dass sich jede Reihe irgendwann totläuft – die Kunst ist es, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen und früh genug auszusteigen.

Woher nimmst Du das notwendige Detailwissen? Triffst Du beispielsweise Polizisten oder Rechtsmediziner zu Recherchezwecken?

Dank dem Internet ist es heute recht einfach, Fachwissen zu recherchieren. Überall dort, wo man an dessen Grenzen stößt, ist dann der Kontakt zu Fachleuten gefragt – und die meisten Behörden und ihre Vertreter zeigen sich ausgesprochen hilfsbereit, sobald sie wissen, worum es geht.

Es kommen recht intensive Gewaltszenen in Deinen Büchern vor. Holst Du Dir externe Inspiration oder entspringt das alles Deiner Phantasie?

Das ist alles nur in meinem Kopf… Ich bin gar kein Freund ausgedehnter Gewaltszenen, sogenannter „Schlachtplatten“: Ich mag es, wenn das Grauen oder die Bedrohung in der Fantasie des Lesers stattfindet. Es gibt eine Szene in „Das Lied der toten Mädchen“, wo der Täter in die Wohnung des Opfers eindringt, ins Bad geht, deren Zahnbürste in den Mund steckt und daran lutscht, um ihren Geschmack wahrzunehmen – das finde ich deutlich unheimlicher als ein blutiges Gemetzel.

Was gehört neben dem Schreiben noch zu der Arbeit eines Autors?

Eine ganze Latte an Dingen. Social Media wird immer wichtiger, der Kontakt zu den Lesern. Dazu zählen auch Lesungen in Buchhandlungen, auf die ich mich jedes Mal tierisch freue, weil es die direkteste Art von Feedback ist. Andere Punkte dagegen sind nerviger: Welche Zeitungen könnte man wegen Rezensionen ansprechen? Welche Radiosender wegen einer Buchvorstellung?

Wie viel Freiheit hast Du, was Deine Bücher angeht? Bekommst Du vom Verlag viele Vorgaben und Änderungen?

Zum Glück mittlerweile recht viele Freiheiten. Ich glaube, Verlage sind da ziemlich unromantisch: Verkauft sich eine Reihe, lassen sie dich weitestgehend in Ruhe. Stockt der Verkauf oder sind die Zahlen rückläufig, wird es sicherlich schwieriger. Die meisten Änderungsvorschläge kommen im Rahmen des Lektorats, und da sind sie auch nützlich und gut: Jedes Buch wird durch eine professionelle Überarbeitung besser. Jedes! Und als Autor selbst wird man dem Stoff gegenüber auch irgendwann betriebsblind, dann braucht es Anstöße von außerhalb.

Verzweifelst Du beim Schreiben manchmal, hast keine Einfälle und willst einfach alles hinwerfen?

Ehrlich gesagt: Nein. Bislang ist mein Hauptproblem eher, dass ich nicht genug Zeit habe, alle Ideen in Buchform zu packen. Anders sieht es dagegen mit einzelnen Szenen aus: Manche haken einfach. Dann schreibe ich sie um und finde sie immer noch blöd. Das versuche ich dann ein weiteres Mal, und wenn es immer noch nicht flüssig klappt, wird sie einfach gelöscht und durch eine andere ersetzt.

Was ist der Unterschied zwischen dem Schreiben einer Reisereportage und eines Kriminalromans?

Reportagen sind Sprints. Du bist auf Reisen, erlebst etwas und versuchst, das so wiederzugeben, dass die Leserinnen und Leser es nachempfinden können. Bücher dagegen sind Marathons ohne realen Hintergrund. Der Spannungsbogen muss viel länger hochgehalten werden, die Dialoge müssen das Ganze lebendig machen, du brauchst Wendungen und unvorhergesehene Ereignisse. Ist das schwieriger? Ich weiß nicht … ganz sicher ist es eine völlig andere Herausforderung.

Welchen Einfluss hat Dein Beruf als Journalist und Deine bisherige Arbeit auf Deine Bücher?

Schon einen großen. Gerade, was das Beschreiben von Landschaften angeht oder das Schaffen einer passenden Atmosphäre. Ich denke, ohne die jahrelange Erfahrung als Reisejournalist würde einem dies schwerer fallen. Außerdem beruhigt es ungemein, dass man noch einen anderen Job hat, wenn der eine mal nicht mehr laufen sollte!

Stell mir doch mal eine Leseliste für meinen nächsten Tauchurlaub zusammen. Welche drei Bücher sollte ich unbedingt mitnehmen und warum?

„Tage der Toten“ von Don Winslow! Ein blutiges Epos, grausam und unheimlich dicht mit der Realität des Drogenkriegs in Mexiko verwoben. Dazu spannend, komplex und sprachlich immer auf den Punkt: Eines jener Bücher, die man nie mehr vergisst!
Dann: „Still“ von Zoran Drvenkar. Ein außergewöhnlicher Plot, herausragend und nervenzerfetzend spannend. Vielleicht der beste Thriller, den ich je von einem deutschsprachigen Autor gelesen habe.

Wenn du im Urlaub abschalten magst, muss ein Band der Jack Reacher-Reihe von Lee Child mit. Nicht immer logisch, aber wahnsinnig spannend und unterhaltsam. Das ist wie amerikanisches Popcorn-Kino, in Buchseiten gepresst!

Linus, vielen Dank für Deine Zeit, es war mal wieder eine Freude mit Dir ein Interview zu führen. Wenn ihr nun  Lust auf die Krimis von Linus bekommen hat, hier findet ihr seine Bücher:

Band 1: Die Lichtung

Band 2: Und am morgen waren sie tot

Band 3: Das Lied der toten Mädchen 

Am 23. Janaur 2018 könnt ihr Linus auf der Messe Boot in Düsseldorf am Stand von Scubapro von 16:00 bis 17:00 persönlich treffen und eure Bücher signieren lassen.

 

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