Interview mit dem Freitaucher Nik Linder

Faszination Freitauchen

Mehr und mehr Gerätetaucher entdecken die Faszination des Freitauchens. Ganz ohne das schwere Gerät, ohne den blubbernden Lungenautomat, kann man sich quasi inkognito  unter die Meeresbewohner wagen und den Lebewesen so nahe kommen wie nie zuvor. Freitauchen ist für mich die Königsdisziplin aller Wassersportarten. Warum? Weil Freitauchen pur ist. Es geht nur um das Wesentliche. Bei sich zu sein, seinen Körper vorzubereiten, sich vor dem Abtauchen in einem meditativen Zustand zu versetzen. Vor jedem Tauchgang fährt man den Körper komplett runter, begibt sich in das eigene Selbst, in das innere des Bewusstseins und des eigenen Körpers. Unter Wasser muss man den ureigenen Atemreflex, der uns Menschen seit Jahrtausenden am Leben erhält, den bereits Säuglinge nach der Geburt beherrschen, unterdrücken. Wer soweit kommt, erlebt eine ungeahnte Freiheit, Entspannung und Stille.

Einer, der sein Leben dem Freitauchen gewidmet hat, ist  Nik Linder. Er hält 5 Weltrekorde im Streckentauchen unter Eis, 1 Weltrekord 24 Stunden Streckentauchen ( Team ) sowie 2 Deutsche Rekorde im Streckentauchen im See. Dazu gibt er Kurse, leitet Tauchreisen und ist ebenfalls Buchautor.

Nik Lindner Relaqua

Urheberrecht: Wolfgang Clausen

Er ist kein Adrenalinjunkie oder Draufgänger. Ganz im Gegenteil, er lebt sehr bewusst und übt seinen Sport konzentriert aus. Unter Wasser sucht er die Ruhe und Stille, nicht den Kick. Ich durfte Nik einige Fragen zum Freitauchen stellen und dazu, ob auch Gerätetaucher erwägen sollten, sich mit Freitauchen auseinanderzusetzten.

Nik, kannst Du in 3 kurzen Sätzen die Faszination Freitauchenbeschreiben?

Wer Apnoe taucht, der sucht entweder das Naturerlebnis,wenn ich ohne Tauchgerät tauche, dann bin ich für die Tiere interessanter. Ich produziere keine Ausatemgeräusche, ich kann mich besser bewegen – Interaktionen mit großen Meeres Tieren sind häufiger und intensiver.

Wenn ich die Entspannung suche, dann bin ich ebenfalls richtig, denn der Apnoetaucher lernt auf den Punkt zu entspannen. Wir haben sogar einen körpereigenen Entspannungsmechanismus – den Tauchreflex. Zu dem haben wir in der Schwerelosigkeit und der Reizarmut ( über die Augen und die Ohren kommen weniger Informationen rein ) im Wasser noch bessere Möglichkeiten in die Meditation zu kommen.

Dazu kommt als letzter Punkt, die Challenge. Apnoe ist sport und das ganze auf eine sehr reduzierte Art. Es geht nicht vorrangig um das Equipment, sondern mehr darum, was ich noch alles verändern kann um mit einem Atemzug noch weiter, tiefer und/oder länger zu tauchen.

Das alles hat einen gewaltigen positiven Einfluss auf den Alltag, denn wir nutzen die Werkzeuge um auf den Punkt entspannen zu können, um die Atmung bewusst einzusetzen um besser in die Meditation zu kommen, ja nicht nur ausschließlich in unserem Sport.

Wie kann man Freitauchen am besten und sichersten erlernen?

Bei einem Apnoetauchehrer. Zum großen Glück haben seit einigen Jahren auch die kommerziellen Tauchverbände das Apnoetauchen entdeckt und es gibt fast überall tolle Tauchlehrer bei denen man einen Apnoekurs machen kann. Ich denke es spielt für den Beginnerkurs keine Rolle, ob der Tauchlehrer von CMAS, Apnea Academy, AIDA, SSI oder Padi ist. Die sind sicherlich alle gut.

Passen Geräte und Freitauchen überhaupt zusammen? Oder muss man sich für eines entscheiden?

Immer mehr Scubadiver merken, dass ein Freediving Kurs ihnen hilft entspannter und besser mit Gerät zu tauchen. Für Scubadiver ist die Ohne Luft Situation das bedrohlichste. Für uns Apnoetaucher ist das aber unser Sport und scheut uns nicht. Wer weiß dass er ein paar Minuten ohne Luft sein kann, fühlt sich im Wasser immer Sicherer.

Dazu kommt, dass wer lernen möchte wie man nicht atmet, zunächst mal lernt, wie man richtig atmet. Und wer richtig atmet, braucht weniger Luft, behält immer wieder seinen Puls im Auge und hört gelegentlich in sich hinein. Das führt bei allen zu einem niedrigeren Luftverbrauch und entspannteren Tauchgängen.

Umgekehrt, zeigte z.b. meine Tour letzte Woche in den Sudan, auch Situationen, in denen man besser mit Gerät unterwegs ist. Auf 40m warten, bis die Hammerhaie vorbeiziehen ist ziemlich schwierig wenn man nur mit einem Schnorchel bewaffnet ist.

Allerdings muss man nach dem Gerätetauchen die Zeit abwarten, bis man komplett entsättigt ist, bis man wieder Apnoe tauchen kann.

Können die vorbereitenden Atemtechniken der Freitaucher auch Gerätetauchern helfen?

Absolut, indem ich auf einen niedrigen Puls achte, bevor ich abtauche, tauche ich entspannter und ruhiger ab. Es ist tatsächlich total einfach, aber wenn ich ruhig in den Bauch atme, dabei im Verhältnis langsamer ausatme, wie ich einatme, dann bin ich sehr gut mit Sauerstoff versorgt und das ganze bei einem niedrigen Puls. Das verhindert Unwohlsein, Unruhe und beugt aktiv einer Panik vor. Dazu kommt, dass der Luftverbrauch stark gesenkt wird.

Nik Lindner Relaqua

Urheberrecht: Cedric Schanze

Freitaucher sind für schöne Tauchgänge viel zu limitiert, das sie keine Pressluft haben, so das Argument der Gerätetaucher. Wie siehst Du das?

Bei einem Tauchgang mit z.b. einem Wal, tauche ich vielleicht nur 2-3 Minuten bevor ich wieder an die Luft muss, bevor ich wieder runtertauche, aber dieses Erlebnis hält lange an, bzw. wirkt  sehr nach. Interaktionen sind öfter möglich und auch wenn die Tauchgänge kurz sind, dann sind sie doch sehr intensiv.

Wir Apnoetaucher sehen uns, dadurch dass wir ohne Gerät tauchen, quasi tauchen by fair meansweniger als Besucher, sondern mehr als Teil dieser Unterwasserwelt.

Aber es stimmt, manche Tauchgänge macht man besser mit Gerät. Ich muss allerdings sagen, dass ich, obwohl auch Tauchlehrer für Scubadiving, schon seit fünf Jahren keinen Tauchgang mehr mit Gerät gemacht habe.

Darf man eigentlich an einem Tag Freitauchgänge und Tauchgänge mit einer Pressluftflasche machen?

Ich kann morgens Apnoe und danach Scuba Tauchen. Umgekehrt ist das schwierig, weil ich mich beim tauchen mit Pressluft mit Stickstoff sättige. Erst wenn ich komplett entsättigt bin kann ich wieder Apnoe tauchen, sonst laufe ich Gefahr eine Deko zu bekommen.

Warum bist Du nicht ein passionierter Gerätetaucher geworden?

Das war ich uns verbindet ja alle die Faszination der Unterwasserwelt. Da ich vom Schwimmen komme, hat mich aber auch die Challenge, wie weit komme ich mit einem Atemzug, also der Sportliche Aspekt gefesselt und die Wettkämpfe und Rekordjagd.

Außerdem war ich immer schon gerne unkompliziert und ohne das ganze Gerät Schnorcheln und so mache ich eigentlich meine liebsten Tauchgänge im See, im Fluss am Riff, entspannt Schnorcheln auf moderaten Tiefen von 5-15 m. Ganz gechillt, es gibt nichts schöneres.

Gehst Du manchmal auch noch mit der Flasche runter?

Nein, ich habe da irgendwie keine Zeit und keine Lust. Aber wenn es mal einen Tauchgang gibt, der mit Gerät gemacht werden muss, dann gerne. In den letzten fünf Jahren gab es den aber nicht.

Wie sieht Dein Leben so aus? Wie vereinbarst Du Freitauchen und Beruf?

Ich war bis 2016 Mitinhaber eine großen Tauchsportgeschäftes in Freiburg ( Süddeutschland ) und habe meine Anteile an meinen Partner verkauft. Seitdem mache ich hauptberuflich nur noch Apnoetauchen. Ich habe eine eigene Entspannungsmethode entwickelt Relaquain der ich die Kenntnisse aus dem Apnoetauchen zur Stressreduktion und Meditation und ohne Leistungsgedanken vermittle.

Das normale Apnoetauchen, insbesondere die Instructorausbildung ist ein Bereich, der mich fordert und in dem ich viel mache.

Dazu kommen die vielen Reisen, die ich für Reiseveranstalter mache und der Rest sind Schreiben von Büchern, Artikel, Vorträge, Training und Coaching. Also wirklich ziemlich abwechslungsreich. Ich liebe das, was ich tue.

Nik Lindner Relaqua

Urheberrecht: Alena Zielinski

Wo kann man sich über deine Kurse informieren?

Ich habe derzeit zwei Webseiten : nikolaylinder.de und relaqua.de Schaut mal rein, ich freue mich wenn Ihr mal in meine Kurse findet.

Urheberrecht Titelfoto: Julia Hack

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