Lokal statt global: Reisen, Tauchen und die Pandemie

Die Welt wird kleiner und lokaler

In den letzten Jahren schien der Trend zu Fernreisen, Wochenendtrips und Flugreisen ungebremst. Angefeuert durch billige Flugtickets, günstige All Inklusive Angebote und der Lust am Reisen, drehte sich dieses Karussell immer schneller. Immer mehr Reisen im Jahr, immer mehr Trips  an Wochenenden, mehr mehr mehr. Alle haben wir lustig mitgespielt, auch ich. Auf Kosten der Umwelt, der Mitarbeiter der Billigairlines und All Inklusive Hotels, der lokalen Industrien. Es schien ewig so weiterzugehen.

Neue Tauchbasen eröffneten in immer abgelegeneren Gegenden, Safariboote fuhren uns Taucher an das Ende der Welt. Nur um dort vermeintlich unberührte Natur zu bestaunen und diese für immer zu kompromittieren. Denn jeder Taucher hinterlässt Spuren, ob man es nun will oder nicht.

Im Jahre 2020 wurde plötzlich ein Keil in den Motor dieses Karussells geworfen und es kam zu einem brutalen Stillstand. Flüge wurden gestrichen, Hotels und Gastronomie geschlossen. Eine Vollbremsung. Auch wenn es den Sommer über schien, als hätte sich die Lage etwas entspannt. Nach den Stornierungen von Flügen und Hotels im Frühjahr und die Streitigkeiten mit Veranstaltern um die Rückzahlung, scheuten viele Reisende, erneut etwas zu buchen.

Das ausgedünnte Flugnetz führte ebenfalls dazu, dass die Menschen ihren Urlaub zu Hause verbrachten. Man fuhr, wie unsere Eltern, wieder stundenlange mit dem Auto in den Urlaub, statt zu fliegen. Blieb im eigenen Land oder in angrenzenden Urlaubsregionen. Vorsichtig wurden Pläne für das nächste Jahr geschmiedet. Aber das war nur eine kurze Atempause bevor es ab Herbst wieder zurück in den Lock Down ging.

Reisen im Jahre 2020

Auch meine Pläne wurden durch die Pandemie durcheinander gewirbelt. Zwar hatten wir mit nun 2 kleinen Kindern keine Fernreisen oder Tauchreisen geplant. Aber dennoch wollten wir Freunde in Europa besuchen, nach Italien fliegen und einfach ein wenig mit den Kindern die Welt entdecken. Für mich ging der Trend daher generell hin zum Reisen in Europa.

Durch die Kinder rückten Destinationen in den Fokus, die schnell erreichbar sind. Mit kinderfreundlichen Hotels, Spielplätzen und Restaurants in Gehweite der Unterkunft. Meinen Freunden ging es wir mir, aber bei vielen war der Schwenk auf Europa nur eine Notlösung. Viele hatten bereits ihre Tauchreisen gebucht, nach Ägypten, Indonesien oder in die Karibik. Neben den Unannehmlichkeiten, sich mit dem Reiseveranstalter um das Geld zu streiten, blieb einfach ein großes Loch Mitten im Jahr.

Raja Ampat Indonesien Tauchsafari, Nemo, Wobbegong, Teppichhai

Für mich waren meine Tauchreisen früher immer das Highlight des Jahres. Mir fehlte ein großes Stück Freiheit und Abenteuer, wenn diese wegfielen. Kroatien oder Slowenien sind zwar auch toll zum Tauchen, aber einfach kein Ersatz für das Rote Meer. Dennoch bliebt man hauptsächlich vor Ort, traf sich in Triest, Venedig oder am Neufelder See. Einzelne Destinationen öffneten ich wieder für den internationalen Tourismus, zu groß ist die Abhängigkeit der lokalen Wirtschaft von diesen  Einnahem. So ist es wenig überraschend, dass gerade die Malediven und Ägypten die Einreise für Touristen schnell wieder ermöglichten.

Wie könnte es weitergehen?

Viele Tourismusbetriebe und Airlines werden diese Krise nicht überleben, zu stark und unerwartet war der Einbruch.  Nicht alle Hotels werden den Betrieb wieder aufnehmen können. In manchen Regionen dieser Erde fehlen den Unternehmen die kompletten Jahreseinnahmen für 2020. Kaum ein kleiner Betrieb hat so hohe Rücklagen und in den meisten Ländern werden kaum Kompensationen oder Subventionen gezahlt. Die Safariboote in Ägypten zum Beispiel lagen das ganze Jahr im Hafen. Gebühren, Gehälter und sonstige Kosten liefen weiter, zumindest soweit die Eigentümer zahlen konnten. Wie lange das noch so geht, weiss niemand. Aber eine schnelle Rückkehr zur Normalität ist auch in 2021 nicht zu erwarten.

Es ist wohl eine Utopie zu glauben, dass diese Krise die betroffenen Länder dazu bringt, sich alternative Strategien zu überlegen. Um nicht mehr so abhängig vom (Massen)Tourismus zu sein. Um die eigene Wirtschaft unabhängiger aufzustellen, nachhaltiger zu werden. Ägypten zum Beispiel würde es gut tun, sich wegzubewegen vom billigen Pauschaltouristen. Hin zu einer gehobenen Klientel, weniger Touristen, die aber pro Person mehr Geld im Land lassen. Sich parallel  auf andere Industrien zu fokussieren, wie zum Beispiel dem Solarsektor. Aber ich denke, dazu wird es nicht kommen. Sobald die Menschen wieder reisen können, muss schnell Geld verdient werden. Da ist keine Zeit für den langwierigen Aufbau neuer Wirtschaftszweige. Die gruseligen Hotelinseln auf den Malediven werden nicht von heute auf morgen verschwinden, was soll man mit ihnen auch anfangen? Tomaten kann man dort nicht züchten.

Vor CORONA haben Städte wie Venedig oder Barcelona aber auch die Insel Mallorca unter dem Over Tourismus geächzt. Gerade Mallorca scheint diese Krise in die Hände zu spielen. Schon länger versucht die Regierung, die Billigtouristen vom Ballermann loszuwerden und hochwertigere Angebote für Touristen zu etablieren. Die Pandemie dürfte ihnen da in die Hände spielen. Momentan muss es die Bevölkerung ausbaden, die Arbeitslosigkeit ist auf den Balearen enormen. Aber langfristig könne es für alle Beteiligten eine win-win Situation werden, wenn diese Krise genutzt wird, sich neu aufzustellen.

Für andere Ländern sehe ich da keinen Trend, hier liegt es an uns Reisenden, etwas zu ändern. Muss man 3-4 Mal im Jahr wegfliegen? Gibt es nicht Alternativen vor Ort? Ja, der Neufelder See ist nicht das Rote Meer. Aber sollte das Rote Meer nicht ein Luxus sein, den man sich ab und an gönnt? Und so gestaltet sein, dass der  Preis der Reise den Menschen vor Ort ein Leben in Würde ermöglicht? Statt mehr und mehr Menschen auf die Malediven zu karren, sollten die riesigen Hotelinseln zurückgebaut werden. Kleine Resorts, wenig Touristen und hohe Preise.

 

 

Ja, das klingt ungerecht. Aber es wird immer jemanden geben, der sich mehr leisten kann als andere. Wenn wir aber weiter in dem Tempo auf dem internationalen Tourismuskarusell mitfahren, machen wir die Erde endgültig kaputt. Zerstören die letzten Intakten Riffe, machen die Wirtschaft vor Ort kaputt. Lasst uns alle etwas weniger fliegen, mehr zu Hause bleiben und uns achtsamer in unsere Umwelt bewegen. Dann haben wir alle das davon und Reisen wird wieder etwas besonderes.

Ich hoffe, dass nicht alles wieder wird wie vorher. Ich hoffe, dass die Kreuzfahrtschiffe nicht mehr nach Venedig einlaufen. Wir sollten weniger, aber bewusster reisen. Bleiben wir doch mehr in Europa, denn unser Kontinent ist einfach wunderbar und er lässt sich gut mit der Bahn bereisen. Lasst uns umdenken, neu denken und aus dieser Krise lernen. Das kling vielleicht naiv und utopisch, aber es ist bitter notwendig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.